DER CHRONIST
Ein Jahr der Erschütterungen: Wahlurnen und Referenden stellen alte Gewissheiten infrage, mit dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps geraten etablierte politische Ordnungen ins Wanken. Der islamistische Terror trifft Europa in geradezu erschreckender Reihenfolge – von den Anschlägen in Brüssel über den Lastwagenanschlag in Nizza bis zum Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche – und erreicht damit auch die deutschen Weihnachtsmärkte. In Syrien fällt mit Aleppo eine der letzten Bastionen des Aufstands gegen Machthaber Baschar al-Assad, während in Kolumbien nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg ein Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla in Kraft tritt. Mit David Bowie verliert die Popkultur eine ihrer prägendsten Figuren. Und an der Förde debattiert der Landtag, wie eine offene Gesellschaft auf Gewalt und Angst antworten soll, ohne sich selbst zu verlieren.
Brexit: Großbritannien stimmt für den EU-Austritt

Im Referendum über die EU-Mitgliedschaft votieren 51,9 Prozent der britischen Wähler für den Austritt, nur 48,1 Prozent für den Verbleib – bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 Prozent. Premierminister David Cameron, der die Abstimmung selbst angesetzt hatte, tritt am 13. Juli zurück; Theresa May übernimmt die Downing Street. Das Wort „Brexit" wird zum Synonym für ein Jahr, in dem etablierte politische Ordnungen ins Wanken geraten – ein Beben, das auch in Schleswig-Holstein spürbar ist, wo der Kieler Hafen enge Handelsverbindungen nach Großbritannien und Skandinavien unterhält.
Vorausgegangen war ein monatelanger, zunehmend polarisierter Wahlkampf zwischen der offiziellen Leave-Kampagne Vote Leave um Boris Johnson und Michael Gove und der Remain-Kampagne Britain Stronger in Europe; die vielzitierte, später als irreführend kritisierte Behauptung, ein EU-Austritt spare wöchentlich 350 Millionen Pfund, die stattdessen dem Gesundheitsdienst NHS zugutekämen, prangte in großen Lettern auf einem roten Kampagnenbus. Überschattet wird der Wahlkampf am 16. Juni von der Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox im westyorkshirischen Birstall durch den Rechtsextremisten Thomas Mair, woraufhin beide Lager ihre Kampagnen für mehrere Tage aussetzen. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Ergebnisses bricht das britische Pfund am 24. Juni um rund elf Prozent ein und fällt auf 1,3224 Dollar – den niedrigsten Stand seit Mitte der 1980er-Jahre; Börsen weltweit reagieren mit deutlichen Kursverlusten. Während England und Wales mehrheitlich für den Austritt stimmen, votieren Schottland und Nordirland klar für den Verbleib – ein Riss, der die Debatte um ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum neu entfacht.
Donald Trump wird 45. Präsident der Vereinigten Staaten

Gegen fast alle Prognosen gewinnt der New Yorker Immobilienunternehmer Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gegen Hillary Clinton – mit 306 zu 232 Wahlmännerstimmen, obwohl Clinton landesweit rund 2,6 Millionen Stimmen mehr erhält. Wie schon beim Brexit-Votum liegen Umfragen und Experten daneben. Trumps Sieg, getragen vor allem von weißen Arbeiterwählern im „Rust Belt", markiert einen tiefen Bruch mit dem politischen Establishment beider Parteien und lässt auch in Europa die Frage nach der Zukunft der transatlantischen Beziehungen neu aufkommen.
Trump hatte sich zuvor in einem beispiellos ruppigen Vorwahlkampf gegen 16 Mitbewerber der Republikanischen Partei durchgesetzt und die Wähler mit dem Versprechen „Make America Great Again" sowie einer Politik gegen Freihandel, Zuwanderung und das Establishment in Washington mobilisiert. Der Wahlkampf selbst wird von Skandalen begleitet: Anfang Oktober taucht ein Tonband auf, auf dem Trump sich abfällig über Frauen äußert („Access-Hollywood-Tape"), während wenige Tage vor der Wahl FBI-Direktor James Comey mitteilt, die Ermittlungen zu Hillary Clintons privatem E-Mail-Server erneut aufzunehmen – zwei Tage vor dem Urnengang erklärt er jedoch, es habe sich nichts Belastendes gefunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Trump am 9. November mit einem ungewöhnlich konditionierten Glückwunsch, der Zusammenarbeit „auf der Basis" gemeinsamer Werte wie Demokratie, Freiheit und Achtung der Menschenwürde anbietet. In mehreren US-Großstädten demonstrieren in den Nächten nach der Wahl Zehntausende unter dem Motto „Not my president" gegen den Wahlausgang.
Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

Ein Lastwagen rast in die Besuchermenge des Weihnachtsmarkts an der Gedächtniskirche – 13 Menschen sterben, mindestens 67 werden zum Teil schwer verletzt. Der Attentäter Anis Amri, der sich zum „Islamischen Staat" bekennt, flieht zunächst und wird am 23. Dezember bei einer Polizeikontrolle nahe Mailand erschossen. In den Wochen danach gerät die Sicherheitsbehörde in die Kritik, weil Amri längst als Gefährder galt.
Amri, ein 1992 in Tunesien geborener Islamist, war bereits seit seiner Ankunft in Deutschland 2015 als Gefährder erfasst und monatelang observiert worden; die Überwachung war jedoch im September 2016 mangels belastbarer Erkenntnisse eingestellt worden, eine geplante Abschiebung scheiterte an fehlenden Ersatzpapieren aus Tunesien. Für die Tat hatte er zuvor den polnischen Lastwagenfahrer Łukasz Urban erschossen und dessen Fahrzeug entwendet; die Terrormiliz „Islamischer Staat" bekennt sich über ihren Kanal Amaq zu dem Anschlag. Amri flieht über die Niederlande und Frankreich bis nach Italien, wo ihn in der Nacht zum 23. Dezember zwei Polizisten bei einer Routinekontrolle im Mailänder Vorort Sesto San Giovanni erkennen; als er das Feuer eröffnet, erschießt ihn der 29-jährige Polizeianwärter Luca Scatà. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages befasst sich in der Folge mit den Ermittlungspannen bei Bund und Land Nordrhein-Westfalen. Bundesweit – auch auf dem Kieler Weihnachtsmarkt am Rathausplatz und bei der folgenden Kieler Woche – werden seither Betonpoller und schwere Fahrzeuge zum Schutz vor Anschlägen mit Lastwagen zum festen Bild von Volksfesten.
Gescheiterter Militärputsch in der Türkei

Teile des türkischen Militärs versuchen in der Nacht, Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Regierung zu stürzen; Panzer rollen in Ankara und Istanbul auf, das Parlament wird beschossen. Der Putsch scheitert vor allem am Widerstand der Bevölkerung, die sich Soldaten und Panzern entgegenstellt. Rund 290 Menschen sterben, darunter 104 Putschisten. Erdoğan macht den im US-Exil lebenden Prediger Fethullah Gülen verantwortlich, verhängt den Ausnahmezustand und lässt in der Folge Zehntausende Beamte, Soldaten und Journalisten entlassen oder verhaften – ein Einschnitt, der die Türkei bis heute prägt.
Auslöser ist ein monatelang schwelender Machtkampf zwischen Erdoğan und der Gülen-Bewegung. In der Nacht besetzen Putschisten mit Kampfjets und Hubschraubern den Luftraum über Ankara, bombardieren das Parlamentsgebäude und übernehmen kurzzeitig den Staatssender TRT, während auf der Bosporus-Brücke in Istanbul Panzer auffahren. Erdoğan, der sich zu Urlaubsbeginn in Marmaris aufhält, ruft die Bevölkerung per Facetime-Schalte auf dem Sender CNN Türk auf, auf die Straße zu gehen und sich den Putschisten entgegenzustellen – ein Aufruf, dem landesweit Zehntausende folgen. Im Zuge des Ausnahmezustands, der bis Juli 2018 andauert, werden binnen zweier Jahre gut 130.000 Staatsbedienstete entlassen und Zehntausende Menschen verhaftet; die Bosporus-Brücke wird in „Brücke der Märtyrer des 15. Juli" umbenannt. Die Massenentlassungen und der Umbau des Justizapparats belasten in der Folge auch die EU-Beitrittsgespräche und den erst im März 2016 geschlossenen EU-Türkei-Flüchtlingspakt.
Kieler Werft liefert erstes U-Boot einer neuen Klasse nach Ägypten

Auf dem Gelände von thyssenkrupp Marine Systems in Kiel übergibt die Werft das U-Boot „S 41" an die ägyptische Marine – das erste von vier Booten der Klasse 209/1400mod, die in den kommenden Jahren an der Förde gebaut werden. Vizeadmiral Osama Monir Mohamed Rabie, Befehlshaber der ägyptischen Flotte, würdigt das gut 62 Meter lange Boot als wichtigen Schritt zur Modernisierung seiner Marine. Für die Werft an der Kieler Förde sichert der rund eine Milliarde Euro schwere Auftrag über Jahre hinweg Hunderte Arbeitsplätze – ein seltener Fall, in dem Kiel nicht nur Schauplatz, sondern Urheber einer Nachricht von weltpolitischem Gewicht ist: der deutsche Rüstungsexport in die Krisenregion Naher Osten bleibt umstritten.
Die Werft, seit 2005 Teil des Marineschiffbau-Zweigs von thyssenkrupp und hervorgegangen aus den traditionsreichen Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW), baut U-Boote der Klasse 209 bereits seit den 1960er-Jahren für Marinen rund um den Globus. Den Grundvertrag über die ersten beiden Boote für Ägypten unterzeichnen beide Seiten 2011/2012 zu einem Wert von rund 700 Millionen Euro; 2015 zieht Kairo eine Option für zwei weitere Boote der gleichen Klasse, die zusammen mit den ersten beiden bis 2021 in Kiel gebaut und nacheinander überführt werden. Der Auftrag ist politisch nicht unumstritten: Wegen der Menschenrechtslage unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi und der Spannungen in der Region kritisieren Grüne und Linke im Bundestag die Genehmigung durch den Bundessicherheitsrat, während die IG Metall an der Förde auf den Erhalt der Arbeitsplätze verweist.
Tod von David Bowie

David Bowie stirbt zwei Tage nach der Veröffentlichung seines 26. und letzten Studioalbums „Blackstar" – und einen Tag nach seinem 69. Geburtstag – in seiner Wohnung in New York an den Folgen einer Leberkrebserkrankung, die er 18 Monate lang geheim gehalten hatte. Fans und Weggefährten reagieren fassungslos: In London, Berlin und New York entstehen binnen Stunden spontane Gedenkstätten, etwa vor seinem früheren Wohnhaus in Berlin-Schöneberg, wo Bowie Ende der 1970er-Jahre gelebt hatte. Weltweit schnellen die Verkaufszahlen seiner Alben zurück in die Charts.
Erst im Rückblick erschließt sich, dass Bowie sein eigenes Sterben künstlerisch verarbeitet hatte: „Blackstar" und das begleitende Bühnenstück „Lazarus" gelten seither als bewusst gestaltetes Vermächtnis eines Künstlers, der noch im Wissen um seinen nahenden Tod ein letztes Werk schuf. Mit seinem Tod endet eine mehr als fünf Jahrzehnte währende Karriere, die von den Kunstfiguren Ziggy Stardust und Thin White Duke bis zu Hits wie „Heroes" reichte und Popmusik, Mode und Bühnenkunst gleichermaßen prägte.
Terroranschläge in Brüssel

Bei drei Selbstmordanschlägen sterben in Brüssel mindestens 32 Menschen, rund 340 werden verletzt: Zwei Sprengsätze detonieren am Morgen in der Abflughalle des Flughafens Zaventem, eine weitere Bombe explodiert rund eine Stunde später in einem U-Bahn-Zug der Station Maalbeek unweit der EU-Institutionen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat" bekennt sich zu den Anschlägen; mehrere Attentäter hatten zuvor in Syrien für den IS gekämpft. Es sind die folgenschwersten Terroranschläge in der belgischen Geschichte.
Die Ermittlungen führen die belgische Polizei rasch zu Verbindungen mit den Attentätern der Anschläge von Paris im November 2015; Teile des Netzwerks hatten sich zuvor in Brüsseler Vororten wie Molenbeek verschanzt. Der Flughafen bleibt tagelang gesperrt, in ganz Belgien wird die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen, Militär patrouilliert in den Straßen. In Berlin, Paris und zahlreichen weiteren europäischen Hauptstädten werden öffentliche Gebäude in den Farben der belgischen Flagge angestrahlt. Die Anschläge verschärfen in der gesamten EU die Debatte über den Informationsaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden der Mitgliedstaaten und über Lücken bei der Überwachung islamistischer Rückkehrer aus Syrien.
Lkw-Anschlag von Nizza

Am französischen Nationalfeiertag rast ein 19-Tonnen-Lastwagen fast zwei Kilometer weit in die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais in Nizza, die dort das Feuerwerk zum 14. Juli verfolgt. 86 Menschen sterben, mehr als 400 werden verletzt. Der Fahrer, der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, wird von der Polizei erschossen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat" reklamiert die Tat für sich, spätere Ermittlungen finden jedoch keine direkten Kontakte des Täters zur Organisation.
Unter den Toten sind zahlreiche Kinder und Jugendliche sowie Urlauber aus rund 20 Ländern. Präsident François Hollande verlängert den seit den Anschlägen von Paris 2015 geltenden Ausnahmezustand um weitere drei Monate und ordnet die Mobilisierung zusätzlicher Reservisten an. Der Anschlag reiht sich in eine Serie islamistisch motivierter Attentate in Frankreich und Europa in den Jahren 2015/2016 ein und verstärkt die Diskussion über den Schutz von Großveranstaltungen durch Betonsperren und Fahrzeugabsperrungen – eine Debatte, die wenige Monate später auch nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mit Nachdruck geführt wird.
Friedensabkommen zwischen Kolumbiens Regierung und der FARC-Guerilla

Nachdem die kolumbianische Bevölkerung ein erstes Abkommen zur Beendigung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs am 2. Oktober in einem knappen Referendum abgelehnt hatte, unterzeichnen Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Anführer Rodrigo Londoño, genannt „Timochenko", in Bogotá ein überarbeitetes Friedensabkommen. Der Kongress billigt den neuen Vertrag am 30. November, am 1. Dezember tritt er in Kraft. Damit endet formal einer der am längsten andauernden bewaffneten Konflikte Lateinamerikas, dem seit den 1960er-Jahren schätzungsweise rund 220.000 Menschen zum Opfer gefallen waren.
Das Abkommen sieht die Entwaffnung der FARC-Kämpfer unter Aufsicht der Vereinten Nationen, ihre Umwandlung in eine legale Partei sowie Übergangsjustiz-Mechanismen für Kriegsverbrechen vor. Bereits am 7. Oktober – noch vor der zweiten Unterzeichnung – hatte das Nobelkomitee Santos für seine Vermittlungsbemühungen den Friedensnobelpreis zuerkannt. Kritiker, insbesondere aus dem konservativen Lager um Ex-Präsident Álvaro Uribe, bemängeln nach wie vor milde Strafen für frühere Guerilleros; Menschenrechtsorganisationen warnen zudem vor anhaltender Gewalt durch andere bewaffnete Gruppen in den von der FARC geräumten Gebieten.
Fall von Aleppo: Ende der Kämpfe um Syriens einstige Wirtschaftsmetropole

Nach monatelanger Belagerung und schweren Luftangriffen russischer und syrischer Kampfjets übernehmen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad, unterstützt von Russland, dem Iran und mit ihm verbündeten Milizen, Mitte Dezember die vollständige Kontrolle über Aleppo – die einst größte Stadt Syriens, über vier Jahre lang geteilt zwischen einem von der Regierung und einem von Rebellen gehaltenen Ostteil. Am 22. Dezember verkünden die Regierungstruppen offiziell den Sieg. In den letzten Dezembertagen bringen Busse und Krankenwagen Zehntausende ausgehungerte Zivilisten und die letzten Rebellenkämpfer aus dem eingeschlossenen Ostteil der Stadt in die von der Opposition kontrollierte Provinz Idlib.
Die Rückeroberung gilt als einer der entscheidenden Wendepunkte im syrischen Bürgerkrieg, der seit 2011 andauert: Sie festigt Assads Position und verschiebt das militärische Gleichgewicht deutlich zugunsten der Regierung in Damaskus. Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen berichten von gezielten Angriffen auf Krankenhäuser, Hunger als Kriegswaffe und mutmaßlichen Kriegsverbrechen auf beiden Seiten während der monatelangen Belagerung. Die Bilder ausgemergelter Kinder und zerstörter Wohnviertel aus Ost-Aleppo gehen im Winter 2016 um die Welt und lösen international scharfe, aber folgenlose Kritik am Vorgehen Russlands und der syrischen Regierung aus.
Dreifacher Wahltag im Südwesten: AfD zieht in drei Landtage ein, Kretschmann und Dreyer siegen gegen den Bundestrend

Ein Jahr nach dem Beginn der großen Fluchtbewegung des Vorjahres wählen am 13. März gleich drei Bundesländer neue Landtage: Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Die AfD zieht bei allen drei Urnengängen erstmals in ein Landesparlament ein – in Sachsen-Anhalt aus dem Stand als zweitstärkste Kraft. Die Wahlbeteiligung steigt in allen drei Ländern spürbar, ein Zeichen der Polarisierung, die das Wahljahr prägt.
In Baden-Württemberg werden die Grünen unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit 30,3 Prozent erstmals in der Geschichte einer deutschen Landtagswahl überhaupt stärkste Partei, vor der CDU mit 27,0 Prozent – dem schlechtesten Ergebnis der Christdemokraten im Land seit Bestehen des Bundeslandes. Die AfD kommt auf 15,1 Prozent und wird drittstärkste Kraft, die SPD stürzt auf ihr schwächstes Resultat in Baden-Württemberg (12,7 Prozent), die FDP erreicht 8,3 Prozent. Bei einer Wahlbeteiligung von 70,4 Prozent bildet Kretschmann anschließend mit der CDU als Juniorpartner die erste grün geführte Koalition in einem deutschen Flächenland. In Rheinland-Pfalz verteidigt die SPD unter Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit 36,2 Prozent klar ihre Regierungsmehrheit vor der CDU (31,8 Prozent); die AfD zieht mit 12,6 Prozent erstmals in den Mainzer Landtag ein, Grüne (5,3 Prozent) und FDP (6,2 Prozent) kommen knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Auch hier liegt die Beteiligung bei 70,4 Prozent, und Dreyer bildet eine Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen.
Ein deutlich anderes Bild zeigt sich in Sachsen-Anhalt: Die CDU um Ministerpräsident Reiner Haseloff bleibt mit 29,8 Prozent zwar stärkste Kraft, erzielt damit aber ihr zweitschlechtestes Ergebnis im Land seit 1990. Die AfD schießt aus dem Stand auf 24,3 Prozent und wird zweitstärkste Partei vor der Linken (16,3 Prozent); die SPD fällt auf 10,6 Prozent, die Grünen kommen auf 5,2 Prozent. Bei einer Wahlbeteiligung von 61,1 Prozent – deutlich niedriger als im Südwesten – bildet Haseloff mit CDU, SPD und Grünen die erste sogenannte Kenia-Koalition auf Landesebene in Deutschland. Der Dreifach-Wahltag macht den Aufstieg der AfD zu einer bundesweiten Kraft sichtbar, während die Wähler in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ihre amtierenden Regierungschefs gegen den Bundestrend im Amt bestätigen.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Mecklenburg-Vorpommern, 4. September — SPD 30,6 %, AfD 20,8 % (zweitstärkste Kraft), CDU 19,0 %, Linke 13,2 %. Ministerpräsident Erwin Sellering setzt die Koalition aus SPD und CDU fort; die rechtsextreme NPD verpasst mit 3,0 Prozent den Wiedereinzug in den Landtag.
- Berlin, 18. September — SPD 21,6 %, CDU 17,6 %, Linke 15,6 %, Grüne 15,2 %, AfD 14,2 %. Regierender Bürgermeister Michael Müller bildet mit Linker und Grünen die bundesweit erste rot-rot-grüne Koalition unter SPD-Führung.
AM RANDE NOTIERT
- In der Neujahrsnacht kommt es rund um den Kölner Hauptbahnhof zu massenhaften sexuellen Übergriffen und Diebstahlsdelikten – rund 1.222 Anzeigen gehen ein. Am 20. Januar debattiert der Landtag in Kiel in einer Aktuellen Stunde darüber; SPD-Fraktionschef Ralf Stegner fordert konsequentes staatliches Handeln.
- Die 35. Kieler Woche (18.–26. Juni) zieht wie gewohnt Millionen Besucher an die Förde.
- Am 3. April enthüllen die „Panama Papers" – 11,5 Millionen geleakte Dokumente einer panamaischen Kanzlei – ein globales System der Steuervermeidung durch Briefkastenfirmen.
- Am 25. November stirbt Fidel Castro im Alter von 90 Jahren – das Ende einer Ära kubanischer Revolutionsgeschichte.
- Am 1. Februar erklärt die Weltgesundheitsorganisation wegen der Ausbreitung des Zika-Virus in Mittel- und Südamerika eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite; das Virus wird mit einer Häufung von Mikrozephalie-Fällen bei Neugeborenen in Verbindung gebracht.
- Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt am 13. März zieht die AfD erstmals in mehrere westdeutsche Landesparlamente ein und wird in Sachsen-Anhalt aus dem Stand zweitstärkste Kraft.
- Am 22. Juli erschießt ein 18-jähriger Attentäter am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen und sich selbst – der schwerste Amoklauf der deutschen Nachkriegsgeschichte.
- Schleswig-Holstein bleibt 2016 bundesweiter Spitzenreiter beim Ausbau der Windenergie: Rechnerisch erzeugt das Land inzwischen ein Vielfaches seines eigenen Strombedarfs aus Windkraft, was in Kiel die Debatte um neue Stromtrassen nach Süddeutschland befeuert.
SPORT · 2016
Die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro — zum ersten Mal in Südamerika ausgetragen — sind bereits weiter oben vermerkt: Die deutschen Fußballerinnen holen dort erstmals Olympia-Gold (siehe „Lichtblicke"). Überstrahlt werden die Spiele vom jamaikanischen Sprinter Usain Bolt, der mit dem dritten Sprint-Triple in Folge (100 m, 200 m, 4×100 m) seine Karriere krönt. Team Deutschland kehrt mit insgesamt 44 Medaillen — davon 11 Mal Gold — nach Hause zurück und belegt Rang fünf im Medaillenspiegel. An der Förde verfolgen viele die Übertragungen aus Rio bei lauen Sommernächten während der Ferienzeit.
Für eine der größten Überraschungen der Fußballgeschichte sorgt derweil in England Leicester City: Der Klub, der die Vorsaison noch gegen den Abstieg gespielt hatte, wird unter Trainer Claudio Ranieri mit zwei Spieltagen Vorsprung erstmals in seiner 132-jährigen Vereinsgeschichte englischer Meister — Buchmacher hatten dem Team zu Saisonbeginn Außenseiterchancen von 5.000 zu 1 eingeräumt. In der Bundesliga verteidigt der FC Bayern München derweil souverän seinen Meistertitel.
MODE · 2016
Die Farbe des Jahres heißt Millennial Pink: Das zart-blasse Rosa erobert von Modemagazinen bis Instagram-Feeds jede Branche — von Mode über Interior bis Verpackungsdesign. Offiziell kürt das Farbinstitut Pantone in diesem Jahr gleich zwei Töne gemeinsam zur Farbe des Jahres: das zarte Rosa Rose Quartz und das blasse Blau Serenity — eine Kombination, die viele Kommentatoren als Sehnsucht nach Beruhigung und Ausgleich in einem politisch aufgewühlten Jahr deuten. Zugleich prägt die oversized, ironisch gebrochene Silhouette des georgischen Designers Demna Gvasalia bei seinem eigenen Label Vetements einen neuen, dekonstruierten Look, der klassische Streetwear-Stücke auf die Laufstege von Paris bringt; parallel etabliert sich der Trend zur „Athleisure" — Sportbekleidung als Alltagsmode — endgültig im Massenmarkt. Auch in Kieler Schaufenstern ist das sanfte Rosa nicht zu übersehen.
KULTUR · 2016
Wenn der Winter über die Förde zieht, gehört der Auftritt von Holiday on Ice in der Ostseehalle für viele Kieler Familien inzwischen zum festen Jahresprogramm. 2016 steht die Show unter dem Motto „Time" und verbindet Eiskunstlauf-Artistik mit aufwendigen Kostümen und einer Choreografie, die die Zuschauerränge regelmäßig zum Staunen bringt. Nach einem politisch aufgewühlten Jahr zwischen Brexit-Votum, Trump-Wahl und dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt bietet der Theaterabend an der Förde einen ruhigen, festlichen Kontrapunkt zum Jahresende.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2016
- Gravitationswellen erstmals direkt nachgewiesen (11. Februar). Forscher vermelden den ersten direkten Nachweis von Gravitationswellen, wie sie schon Albert Einstein vorhergesagt hatte. Entscheidende Messtechnik dafür liefert das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und Potsdam mit seinem Detektor GEO600, der dem US-Observatorium LIGO zum Durchbruch verhilft.
- DFB-Frauen holen erstmals Olympia-Gold (19. August, Rio). Im Finale gegen Schweden gewinnt die deutsche Nationalmannschaft mit 2:1 und krönt sich erstmals zur Olympiasiegerin — ein historischer Erfolg für den deutschen Frauenfußball.
- „Toni Erdmann" erobert die Kinowelt (2016). Maren Ades Tragikomödie gewinnt in Cannes den Kritikerpreis der FIPRESCI und räumt bei den European Film Awards mehrere Trophäen ab — der größte internationale Erfolg des deutschen Films seit Langem.
- Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis (13. Oktober). Als erster Songwriter der Geschichte wird der US-Musiker für „poetische Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition" ausgezeichnet.
- Juan Manuel Santos erhält den Friedensnobelpreis für seine Kolumbien-Friedensbemühungen (7. Oktober). Trotz der knappen Ablehnung des ersten Abkommens durch das Volk beim Referendum wenige Tage zuvor würdigt das Nobelkomitee seinen jahrelangen Einsatz, den bewaffneten Konflikt mit der FARC-Guerilla zu beenden.
- Deutsche Handballnationalmannschaft wird Europameister (31. Januar). Im Finale von Krakau bezwingt das DHB-Team Spanien mit 24:17 und krönt sich zum Europameister — im Kader mit dabei: die THW-Kiel-Spieler Patrick Wiencek und Steffen Weinhold.
DAS WETTER · 2016 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag mit Regen: Höchstwert 19,3 °C, in der Nacht 9,6 °C, im Mittel 14,5 °C; 6,6 mm Regen fielen.
Das Jahr über: Im Mittel 9,9 °C. Wärmster Tag 30,5 °C am 25. August, kältester −8,3 °C am 22. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 715 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2016
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Faded — Alan Walker
- Die immer lacht — Stereoact feat. Kerstin Ott
- Cheap Thrills — Sia feat. Sean Paul
- Don't Be So Shy (Filatov & Karas Remix) — Imany
- One Dance — Drake feat. Wizkid & Kyla
- This Girl — Kungs vs. Cookin' On 3 Burners
- Don't Let Me Down — The Chainsmokers feat. Daya
- Stressed Out — Twenty One Pilots
- Human — Rag'n'Bone Man
- Can't Stop The Feeling! — Justin Timberlake
- I Took A Pill In Ibiza — Mike Posner
- Love Yourself — Justin Bieber
- Fast Car — Jonas Blue feat. Dakota
- The Sound Of Silence — Disturbed
- Cold Water — Major Lazer feat. Justin Bieber & MØ
- Let Me Love You — DJ Snake feat. Justin Bieber
- This Is What You Came For — Calvin Harris feat. Rihanna
- Closer — The Chainsmokers feat. Halsey
- Me, Myself & I — G-Eazy x Bebe Rexha
- Ain't Your Mama — Jennifer Lopez
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).