DER CHRONIST

Ein Jahr der Umbrüche: Neue Machtverhältnisse in Washington und Berlin, ein neues Bündnis am Rande der Förde, ein neues Recht für gleichgeschlechtliche Paare — und Straßenschlachten mitten in einer deutschen Großstadt. Eine weltweite Cyberattacke legt im Mai Krankenhäuser und Bahnhöfe lahm, im Spätsommer verwüstet eine beispiellose Serie schwerer Hurrikane die Karibik und die US-Südstaaten, und in Myanmar treibt das Militär Hunderttausende Rohingya aus ihrer Heimat. In Las Vegas erschüttert der schwerste Amoklauf der US-Geschichte das Land, im Oktober bringen die Weinstein-Enthüllungen die weltweite MeToo-Bewegung ins Rollen, und Katalonien stürzt mit einem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum Spanien in eine Staatskrise. Am Jahresende steht Deutschland ohne neue Bundesregierung da — zwölf Monate, die an der Förde wie in der großen Welt tiefe Spuren hinterlassen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Jamaika an der Förde: Daniel Günther wird Ministerpräsident

Daniel Günther, 2017 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein
Daniel Günther, 2017 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Vorausgegangen war die zweite Amtszeit von SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der seit 2012 mit einer sogenannten „Küstenkoalition" aus SPD, Grünen und SSW regiert hatte. Die CDU, seit November 2014 unter Landeschef Ingbert Liebing, verzichtete im Herbst 2016 nach anhaltend schwachen Umfragewerten auf dessen erneute Spitzenkandidatur — die Partei bestimmte stattdessen den bisherigen Fraktionsvorsitzenden Daniel Günther mit 81,3 Prozent der Delegiertenstimmen zu ihrem neuen Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten.

Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 7. Mai wird die CDU unter Günther mit 32,0 Prozent stärkste Kraft, noch vor der SPD (27,2 Prozent) von Amtsinhaber Albig. Bei einer Wahlbeteiligung von 64,2 Prozent ziehen sechs Parteien in den 73 Sitze zählenden Landtag ein: CDU (25 Sitze), SPD (21), Grüne (10), FDP (9), die erstmals antretende AfD (5) und der SSW (3). Noch am Wahlabend wirbt Günther für ein Bündnis mit Grünen und FDP — CDU, Grüne und FDP kommen zusammen auf 56,4 Prozent der Stimmen. Am 16. Juni unterzeichnen die drei Parteien ihren Koalitionsvertrag; mit 44 der 73 Sitze verfügt die künftige Regierung über eine komfortable Mehrheit. Nach wenigen Wochen Verhandlung wählt der Landtag in Kiel Günther am 28. Juni zum Ministerpräsidenten: Es ist die erste »Jamaika-Koalition« in der Geschichte Schleswig-Holsteins — nach dem Saarland 2009 erst die zweite ihrer Art auf Länderebene in der Bundesrepublik — und läutet einen Regierungswechsel nach Jahrzehnten sozialdemokratischer Prägung des Landes ein. Günthers Kabinett vereint Köpfe aller drei Partner: Die Grüne Monika Heinold bleibt Finanzministerin, Robert Habeck übernimmt erneut das Ressort für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt, für die FDP wird Bernd Buchholz Wirtschaftsminister und Heiner Garg Sozialminister, während mit Karin Prien (Bildung) und Sabine Sütterlin-Waack (Justiz) zwei weitere CDU-Politikerinnen Schlüsselressorts führen. Für die Werftenstadt Kiel — allen voran den U-Boot-Bauer Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) — und die traditionsreiche Kieler Woche bedeutet der Machtwechsel zunächst vor allem Kontinuität in der Wirtschaftsförderung, während die neue Koalition in Bildungs- und Umweltfragen eigene Akzente setzt.

Donald Trump als 45. Präsident der USA vereidigt

Das Kapitol in Washington bei der Amtseinführung Donald Trumps, 2017
Das Kapitol in Washington bei der Amtseinführung Donald Trumps, 2017 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Trump hatte die Präsidentschaftswahl am 8. November 2016 gegen die demokratische Kandidatin Hillary Clinton gewonnen — mit 304 zu 227 Wahlmännerstimmen, obwohl Clinton bundesweit rund drei Millionen Stimmen mehr erhielt. Es ist erst das fünfte Mal in der Geschichte der USA, dass ein Kandidat trotz Rückstands beim »popular vote« ins Weiße Haus einzieht.

An der Westfront des Kapitols in Washington leistet Donald Trump den Amtseid als 45. Präsident der Vereinigten Staaten und tritt die Nachfolge Barack Obamas an; Chief Justice John Roberts nimmt ihm den Eid auf der Lincoln-Bibel ab, Vize Mike Pence wird von Richter Clarence Thomas vereidigt. In seiner Antrittsrede zeichnet Trump ein düsteres Bild verlassener Fabriken und verarmter Innenstädte — Kommentatoren prägen dafür rasch das Schlagwort von der „American-Carnage"-Rede — und verspricht unter dem Motto »America First« eine radikale Abkehr von der bisherigen Außen- und Handelspolitik. Über die Besucherzahl entbrennt sofort Streit: Regierungssprecher Sean Spicer behauptet, es sei „das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beiwohnte" — Luftaufnahmen und Expertenschätzungen von 300.000 bis 600.000 Teilnehmern widersprechen dem deutlich und liegen unter den Zahlen von Barack Obamas erster Vereidigung 2009. Bereits am Folgetag gehen beim »Women's March« allein in Washington rund 500.000, weltweit nach Schätzungen mehr als zwei Millionen Menschen gegen den neuen Präsidenten auf die Straße — nach damaligen Angaben die größte eintägige Protestbewegung in der Geschichte der USA. Nur eine Woche im Amt, unterzeichnet Trump am 27. Januar sein umstrittenes Einreiseverbot für Bürger mehrerer mehrheitlich muslimischer Staaten, das an US-Flughäfen sofort zu Protesten führt; im Juni kündigt er zudem den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen an. Trumps Amtsantritt markiert weltweit den Beginn einer Ära, in der transatlantische Gewissheiten neu verhandelt werden.

Bundestag beschließt »Ehe für alle«

Der Plenarsaal des Bundestags — 2017 beschließt er die Ehe für alle
Der Plenarsaal des Bundestags — 2017 beschließt er die „Ehe für alle“ (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Rechtlich weitgehend gleichgestellte, aber im Namen abgewertete Partnerschaften gibt es in Deutschland bereits seit dem Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001; unionsgeführte Bundesregierungen hatten eine vollständige Öffnung der Ehe seither stets blockiert. Bewegung kommt erst, als Kanzlerin Angela Merkel bei einem Podium der Zeitschrift »Brigitte« am 26. Juni erklärt, die Frage solle künftig „eher zu einer Gewissensentscheidung" werden — SPD, Grüne und Linke nutzen die Steilvorlage, um noch vor der Sommerpause eine Abstimmung zu erzwingen.

In einer emotional geführten Debatte beschließt der Bundestag am 30. Juni mit 393 gegen 226 Stimmen bei vier Enthaltungen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. SPD, Linke und Grüne stimmen geschlossen dafür, aus der Unionsfraktion votiert etwa ein Viertel der Abgeordneten für das Gesetz — fast alle Nein-Stimmen kommen aus den Reihen von CDU und CSU, denen die Fraktionsführungen ausnahmsweise keine Abstimmungslinie vorgeben. Kanzlerin Angela Merkel selbst stimmt dagegen, hatte die Abstimmung aber erst wenige Tage zuvor freigegeben. Zum Stichtag 1. Oktober tritt das Gesetz in Kraft; bestehende Lebenspartnerschaften können seither in Ehen umgewandelt werden. Deutschland zieht damit gegenüber mehr als einem Dutzend europäischer Nachbarn nach — angeführt von den Niederlanden, die die Ehe für alle bereits 2001 als erstes Land der Welt eingeführt hatten.

G20-Gipfel in Hamburg eskaliert zu schweren Straßenschlachten

Das Hamburger Rathaus — 2017 eskaliert der G20-Gipfel
Das Hamburger Rathaus — 2017 eskaliert der G20-Gipfel (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Unter dem Motto „Shaping an interconnected world" empfängt Gastgeberin Angela Merkel in der Hamburger Messe die Staats- und Regierungschefs der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer — darunter US-Präsident Donald Trump, Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping; es ist zugleich das erste persönliche Zusammentreffen zwischen Trump und Putin im Amt. Das Treffen findet unter massivem Sicherheitsaufgebot von rund 31.000 Polizeikräften statt. Schon am Vorabend, dem 6. Juli, eskaliert die von mehreren Tausend Menschen besuchte »Welcome to Hell«-Demonstration im Hafenviertel; am Abend des 7. Juli brennen im Schanzenviertel Autos, Geschäfte werden geplündert, hunderte Menschen werden bei Ausschreitungen zwischen Linksextremisten und Polizei verletzt. Das linksautonome Zentrum Rote Flora gilt tagelang als Ausgangspunkt der Krawalle, während parallel auch in der noblen Elbchaussee Geschäfte geplündert werden. Nach späteren Behördenangaben werden im Zuge der mehrtägigen Ausschreitungen insgesamt 797 Polizeibeamte verletzt, die Innenbehörde beziffert den Sachschaden auf mehr als zwölf Millionen Euro; allein die Sicherheitskosten für den Gipfel belaufen sich auf rund 64,7 Millionen Euro. Die Bilder brennender Barrikaden mitten in einer deutschen Großstadt gehen um die Welt.

Bundestagswahl: AfD zieht erstmals ein, Jamaika im Bund scheitert

Der Reichstag in Berlin — 2017 zieht die AfD erstmals ein
Der Reichstag in Berlin — 2017 zieht die AfD erstmals ein (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vorausgegangen war ein Wahlkampf, in dem die SPD ihren neuen Kanzlerkandidaten Martin Schulz im Januar zunächst mit einem kurzlebigen Umfragehoch feierte, während Amtsinhaberin Angela Merkel auf eine vierte Amtszeit setzt.

Bei der Bundestagswahl am 24. September erleiden CDU/CSU (32,9 Prozent, davon 26,8 Prozent CDU und 6,2 Prozent CSU) und SPD (20,5 Prozent — das schlechteste Nachkriegsergebnis der Sozialdemokraten) historische Verluste. Erstmals seit 1990 zieht mit der AfD eine neue Partei in den Bundestag ein — mit 12,6 Prozent und 94 Sitzen wird sie drittstärkste Kraft. Auch die FDP (10,7 Prozent) kehrt nach vierjähriger außerparlamentarischer Pause zurück, während Linke (9,2 Prozent) und Grüne (8,9 Prozent) sich behaupten; durch Überhang- und Ausgleichsmandate wächst der Bundestag auf 709 Abgeordnete — ein historischer Höchststand. Noch am Wahlabend kündigt SPD-Chef Martin Schulz an, seine Partei werde nach dem Debakel in die Opposition gehen, was die Union auf die kleineren Parteien für eine Regierungsbildung verweist. Die anschließenden Sondierungen für eine »Jamaika-Koalition« aus Union, FDP und Grünen — unter anderem mit Angela Merkel und Horst Seehofer für CDU/CSU sowie Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt für die Grünen — ringen wochenlang vor allem um Migrations-, Klima- und Steuerpolitik und scheitern in der Nacht zum 20. November, als FDP-Chef Christian Lindner die Gespräche mit den Worten abbricht, es sei besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ruft in den Tagen danach alle demokratischen Parteien eindringlich zur Kompromissbereitschaft auf — Deutschland geht damit ohne neue Bundesregierung ins Jahr 2018.

2017 ist darüber hinaus ein Superwahljahr: Schon im Februar bestimmt die Bundesversammlung ein neues Staatsoberhaupt, im Frühjahr und Herbst folgen vier weitere Landtagswahlen.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Bundespräsidentenwahl, 12. Februar — Die Bundesversammlung wählt Frank-Walter Steinmeier (SPD) im ersten Wahlgang mit 931 von 1.260 Stimmen (73,9 Prozent) zum neuen Bundespräsidenten; der von der Linken vorgeschlagene Gegenkandidat Christoph Butterwegge erhält 128 Stimmen.
  • Saarland, 26. März — CDU 40,7 %, SPD 29,6 %, Beteiligung 69,7 %. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bleibt im Amt und regiert weiter in einer großen Koalition mit der SPD.
  • Schleswig-Holstein, 7. Mai — siehe gesonderter Bericht oben: Daniel Günther (CDU) bildet die erste Jamaika-Koalition in einem deutschen Flächenland.
  • Nordrhein-Westfalen, 14. Mai — CDU 33,0 %, SPD 31,2 %, Beteiligung 65,2 %. Armin Laschet (CDU) löst Hannelore Kraft (SPD) als Ministerpräsident ab und bildet ein Bündnis mit der FDP.
  • Niedersachsen, 15. Oktober — SPD 36,9 %, CDU 33,6 %, Beteiligung 63,1 %. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bleibt im Amt, künftig in einer großen Koalition mit der CDU.

Weltweite Cyberattacke „WannaCry" legt Krankenhäuser und Bahnhöfe lahm

Karte der zunächst von der WannaCry-Ransomware betroffenen Länder, Mai 2017
Karte der zunächst von der WannaCry-Ransomware betroffenen Länder, Mai 2017 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 12. Mai beginnt sich die Erpressersoftware WannaCry rasend schnell über das Internet zu verbreiten — binnen weniger Tage infiziert sie mehr als 300.000 Computer in rund 150 Ländern. Der Wurm nutzt die Sicherheitslücke „EternalBlue" in Windows-Systemen, ein ursprünglich vom US-Geheimdienst NSA entwickeltes und wenige Wochen zuvor von der Hackergruppe Shadow Brokers veröffentlichtes Werkzeug. Verschlüsselte Rechner zeigen eine Lösegeldforderung von 300 bis 600 US-Dollar in Bitcoin.

Am schwersten trifft es den britischen Gesundheitsdienst NHS: Dutzende Krankenhäuser müssen Operationen verschieben, Patienten umleiten und auf Papierakten zurückgreifen, weil Computer, Röntgengeräte und sogar Kühlsysteme für Blutkonserven ausfallen. Auch in Deutschland sind Bildschirme der Deutschen Bahn an Bahnhöfen betroffen und zeigen statt Fahrplänen die Erpressernachricht, während der Zugbetrieb weitgehend ungestört bleibt; weitere prominente Opfer sind der Autobauer Renault und der spanische Telekommunikationskonzern Telefónica. Der britische Sicherheitsforscher Marcus Hutchins bremst die Ausbreitung, als er zufällig einen im Schadcode verborgenen „Kill Switch" aktiviert. Der Angriff gilt als eine der folgenreichsten Cyberattacken der bisherigen Internetgeschichte und rückt die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur weltweit ins Bewusstsein.

Weinstein-Enthüllungen lösen weltweite MeToo-Bewegung aus

Harvey Weinstein, 2014
Harvey Weinstein, 2014 — Aufnahme aus den Jahren vor den Enthüllungen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 5. Oktober veröffentlicht die „New York Times" eine monatelange Recherche, in der mehrere Frauen dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein jahrzehntelange sexuelle Belästigung und Übergriffe vorwerfen; wenige Tage später, am 10. Oktober, folgen im „New Yorker" unter Federführung von Ronan Farrow noch schwerere Vorwürfe bis hin zur Vergewaltigung. Weinstein wird umgehend aus der von ihm mitgegründeten Produktionsfirma entlassen, zahlreiche weitere Frauen aus der Filmbranche melden sich in den folgenden Wochen zu Wort.

Am 15. Oktober ruft die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter dazu auf, mit dem Hashtag „MeToo" auf eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu antworten — den Begriff selbst hatte die Aktivistin Tarana Burke bereits 2006 geprägt. Noch am selben Tag wird der Hashtag mehr als 200.000 Mal auf Twitter und über zwölf Millionen Mal auf Facebook verwendet und entwickelt sich binnen Tagen zu einer weltweiten Bewegung, die weit über die Filmbranche hinaus Debatten über Machtmissbrauch, sexuelle Gewalt und deren Aufarbeitung anstößt — mit Nachwirkungen bis weit in die folgenden Jahre.

Hurrikan-Serie Harvey, Irma und Maria verwüstet Karibik und US-Südstaaten

Satellitenaufnahme des Hurrikans Irma, September 2017
Satellitenaufnahme des Hurrikans Irma, September 2017 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Innerhalb weniger Wochen trifft eine beispiellose Serie schwerer Hurrikane den Süden der USA und die Karibik. Hurrikan Harvey erreicht am 25. August als Kategorie-4-Sturm die texanische Küste; die anschließenden sintflutartigen Regenfälle setzen weite Teile der Millionenstadt Houston unter Wasser und machen Harvey zum finanziell folgenschwersten tropischen Wirbelsturm der US-Geschichte neben Katrina. Nur wenige Tage später erreicht Hurrikan Irma mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h Kategorie 5 und verwüstet Anfang September mehrere Karibikinseln wie Barbuda und St. Martin fast vollständig, bevor er am 10. September auf Florida trifft.

Als dritter Sturm richtet Hurrikan Maria die schwersten Schäden an: Am 20. September erreicht er als Kategorie-4-Sturm Puerto Rico, zerstört mit sintflutartigem Regen die gesamte Stromversorgung der Insel und löst eine monatelange humanitäre Notlage aus. Zusammen verursachen die drei Stürme Schäden von weit über 280 Milliarden US-Dollar und machen die Atlantik-Hurrikansaison 2017 zur bis dahin teuersten der Geschichte.

Militär vertreibt Hunderttausende Rohingya aus Myanmar

Rohingya-Flüchtlinge nach der Flucht aus Myanmar nach Bangladesch, 2017
Rohingya-Flüchtlinge nach der Flucht aus Myanmar nach Bangladesch, 2017 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach Angriffen der Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) auf rund 30 Polizei- und Militärposten im Bundesstaat Rakhaing am 24. August beginnt das myanmarische Militär am 25. August groß angelegte „Räumungsoperationen" gegen die muslimische Minderheit der Rohingya. Ganze Dörfer werden niedergebrannt, Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen werfen den Sicherheitskräften systematische Tötungen, Vergewaltigungen und Vertreibung vor und sprechen später von einem „Lehrbuchbeispiel ethnischer Säuberung".

Binnen weniger Monate fliehen mehr als 700.000 Rohingya über die Grenze ins benachbarte Bangladesch, wo bei der Grenzstadt Cox's Bazar das größte Flüchtlingslager der Welt entsteht. International gerät auch Aung San Suu Kyi, De-facto-Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin, scharf in die Kritik, weil sie die Gewalt gegen die Rohingya öffentlich nicht verurteilt. Die Krise entwickelt sich zu einer der größten humanitären Katastrophen des Jahres.

Massaker von Las Vegas: Schwerster Amoklauf der US-Geschichte

Das Hotel Mandalay Bay in Las Vegas, Tatort des Attentats vom 1. Oktober 2017
Das Hotel Mandalay Bay in Las Vegas, Tatort des Attentats vom 1. Oktober 2017 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am Abend des 1. Oktober eröffnet der 64-jährige Stephen Paddock vom 32. Stock des Hotels Mandalay Bay aus das Feuer auf rund 22.000 Besucher des Country-Musikfestivals „Route 91 Harvest" auf dem gegenüberliegenden Gelände am Las Vegas Strip. Mit mehreren, durch sogenannte Bump Stocks auf automatisches Feuer umgerüsteten Sturmgewehren gibt er binnen weniger Minuten über 1.000 Schüsse ab, bevor er sich in seinem Hotelzimmer selbst tötet.

Mit 60 Todesopfern und weit über 400 durch Schüsse Verletzten — insgesamt werden rund 850 Menschen verletzt, viele davon in der Massenpanik — ist es der bis dahin folgenreichste Amoklauf in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ein Motiv des Täters wird trotz monatelanger Ermittlungen des FBI nie zweifelsfrei geklärt. Das Massaker entfacht in den USA erneut eine heftige Debatte über schärfere Waffengesetze; die zur Tat genutzten Bump Stocks werden in der Folge von der US-Regierung als Erste reguliert.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 14. Juni sterben beim Brand des Hochhauses Grenfell Tower in London mindestens 72 Menschen — das folgenreichste Wohnhausfeuer im Vereinigten Königreich seit dem Zweiten Weltkrieg.
  • Am 1. Oktober hält die katalanische Regionalregierung ein von Madrid für rechtswidrig erklärtes Unabhängigkeitsreferendum ab, das später zur Entmachtung der katalanischen Regierung durch die spanische Zentralregierung führt.
  • Am 21. August verdunkelt eine totale Sonnenfinsternis erstmals seit 99 Jahren den gesamten nordamerikanischen Kontinent von Küste zu Küste — Millionen Menschen verfolgen das „Great American Eclipse" live vor Ort oder im Fernsehen.
  • Bei der Kieler Woche vom 17. bis 25. Juni feiern rund drei Millionen Besucher an der Förde das weltgrößte Segelsportereignis — mit tausenden Booten auf dem Wasser bleibt sie das prägende Sommerfest der Landeshauptstadt.

SPORT · 2017

Fußballerisch sorgt der DFB für einen Achtungserfolg: Mit einer überwiegend jungen B-Auswahl — Bundestrainer Joachim Löw verzichtet bewusst auf die meisten Stammspieler des künftigen WM-Kaders — gewinnt Deutschland den Confederations Cup in Russland. Im Finale am 2. Juli in St. Petersburg entscheidet ein Tor von Lars Stindl die Partie gegen Chile 1:0; Nachwuchsspieler Julian Draxler wird zum besten Spieler des Turniers gewählt. Der Titel gilt als gelungene Generalprobe für den Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft ein Jahr später.

Auch abseits des Rasens hat der Norden 2017 sportlich einiges zu bieten: Handball-Rekordmeister THW Kiel gewinnt am 9. April vor 13.200 Zuschauern beim Final Four in Köln mit 29:23 gegen die SG Flensburg-Handewitt zum zehnten Mal den DHB-Pokal; Kapitän Domagoj Duvnjak erzielt sieben Tore und prägt die Partie. In der Handball-Bundesliga selbst sichern sich am Saisonende die Rhein-Neckar Löwen die Meisterschaft. Auch die Kieler Sportvereine profitieren vom Fußball-Boom, während die Fanmeilen an der Förde bei Länderspielen gut gefüllt sind.

MODE · 2017

In der Mode kehrt große, unübersehbare Markenwerbung zurück: Die im Januar in Paris präsentierte Kollaboration von Streetwear-Label Supreme und dem Luxushaus Louis Vuitton — eingefädelt vom damaligen Vuitton-Herrenmodedesigner Kim Jones — sorgt mit ihren Logo-Kombinationen und eigens eröffneten Pop-up-Stores für tagelange Warteschlangen und wird zum meistdiskutierten Crossover des Jahres. Auch Guccis Kurs unter Kreativdirektor Alessandro Michele, der das Haus seit 2015 mit einem verspielt-exzentrischen, logofreudigen Stil prägt, macht Markenzeichen wieder zum zentralen Statussymbol. Parallel etabliert sich mit dem von Demna Gvasalia entworfenen, klobigen Balenciaga Triple S der „ugly sneaker" als Trend — bewusst unförmige, mehrlagige Sportschuhe werden für mehrere hundert Euro zum Luxusobjekt und regen bei anderen Labels rasch ähnliche Entwürfe an. Ein Widerspruch, der auch jüngere Käuferinnen und Käufer in Kiel amüsiert wie inspiriert.

KULTUR · 2017

Wenn im Winter die Ostseehalle ihre Tore für die Eisrevue öffnet, gehört das für viele Kieler Familien seit Jahrzehnten so selbstverständlich zum Jahresausklang wie der Weihnachtsmarkt am Rathausplatz. Auch 2017 gastiert Holiday on Ice wieder an der Förde und entführt das Publikum unter dem Motto „Atlantis" in eine versunkene Unterwasserwelt aus Licht, Kostümen und Eiskunstlauf. Seit 1953 ist die Halle fester Spielort der amerikanischen Show, die längst auf allen Kontinenten Millionen Zuschauer begeistert hat. Für viele Kinder an der Förde ist der Besuch oft der erste Kontakt mit einer großen Bühnenshow überhaupt.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2017

  • Elbphilharmonie eröffnet in Hamburg (11. Januar). Mit einem Festkonzert wird das neue Wahrzeichen an der Elbe eingeweiht — ein spektakulärer Konzertsaal, der binnen kürzester Zeit zum kulturellen Aushängeschild des Nordens wird, nur eine Zugstunde von der Förde entfernt.
  • European XFEL bei Hamburg nimmt Betrieb auf (September). Der leistungsstärkste Röntgenlaser der Welt, ein deutsch-internationales Großprojekt unter Federführung des Hamburger Forschungszentrums DESY, geht in den Nutzerbetrieb — Spitzenforschung direkt vor der norddeutschen Haustür.
  • Nobelpreis für Physik würdigt Nachweis von Gravitationswellen (3. Oktober). Rainer Weiss, Barry Barish und Kip Thorne erhalten die Auszeichnung für den direkten Nachweis von Gravitationswellen durch das LIGO-Observatorium — ein Meilenstein, der Albert Einsteins hundert Jahre alte Vorhersage endgültig bestätigt.
  • Holstein Kiel steigt erstmals in die 2. Bundesliga auf (13. Mai). Mit Platz drei in der 3. Liga gelingt den „Störchen" aus Kiel der historische Aufstieg — ein Freudentag für die Fans an der Förde und der bislang größte sportliche Erfolg des Vereins.

DAS WETTER · 2017 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 18,3 °C, in der Nacht 9,0 °C, im Mittel 14,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C. Wärmster Tag 27,2 °C am 15. August, kältester −8,9 °C am 6. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 5 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 890 mm — ein nasses Jahr.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2017

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Shape Of You — Ed Sheeran
  2. Despacito — Luis Fonsi feat. Daddy Yankee
  3. Something Just Like This — The Chainsmokers & Coldplay
  4. Thunder — Imagine Dragons
  5. Tuesday — Burak Yeter feat. Danelle Sandoval
  6. More Than You Know — Axwell Λ Ingrosso
  7. OK — Robin Schulz feat. James Blunt
  8. Was du Liebe nennst — Bausa
  9. Unforgettable — French Montana feat. Swae Lee
  10. Galway Girl — Ed Sheeran
  11. Swalla — Jason Derulo feat. Nicki Minaj & Ty Dolla $ign
  12. Perfect — Ed Sheeran
  13. It Ain't Me — Kygo & Selena Gomez
  14. No Roots — Alice Merton
  15. Mi Gente — J Balvin & Willy William
  16. Mama — Jonas Blue feat. William Singe
  17. Ohne mein Team — Bonez MC & RAF Camora feat. Maxwell
  18. Havana — Camila Cabello feat. Young Thug
  19. There's Nothing Holdin' Me Back — Shawn Mendes
  20. You Don't Know Me — Jax Jones feat. Raye

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).