DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschöpfung und der Zäsuren: Eine Landesbank verschwindet in private Hände, eine Kanzlerin kündigt ihren Abschied an, das Klima zeigt seine Zähne, ein Weltmeister stürzt und ein Mord in einem Konsulat erschüttert die Diplomatie. Doch 2018 ist auch das Jahr der Erleichterung und der Erschütterung anderswo: Ein thailändisches Jugendfußballteam wird nach bangen Tagen aus einer gefluteten Höhle gerettet, während ein US-Präsident und Nordkoreas Machthaber sich in Singapur erstmals die Hand reichen. Ein Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica rüttelt am Vertrauen in die sozialen Netzwerke, eine Autobahnbrücke in Genua stürzt mit 43 Toten ein, und in Frankreich ziehen erstmals Bürger in gelben Warnwesten protestierend durch die Straßen. Ein Jahr, das zeigt, wie eng Kiel, Berlin und die Welt zusammenhängen — und wie brüchig manche Gewissheit geworden ist.

Die Schlagzeilen des Jahres

Kiels Landesbank wird verkauft: HSH Nordbank geht an Finanzinvestoren

Das HSH-Nordbank-Gebäude in Kiel — 2018 wird die Landesbank verkauft
Das HSH-Nordbank-Gebäude in Kiel — 2018 wird die Landesbank verkauft (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Die Wurzeln des Dramas reichen zurück in die Finanzkrise 2008/2009: Die aus der Fusion der Landesbanken Kiel und Hamburg 2003 hervorgegangene HSH Nordbank, einst weltgrößte Schiffsfinanziererin, hatte sich mit milliardenschweren Schiffskrediten und riskanten Wertpapiergeschäften verhoben. Nur Notrettungen der Länder Schleswig-Holstein und Hamburg mit Kapitalspritzen und einem Garantierahmen von zuletzt zehn Milliarden Euro bewahrten das Institut vor dem Kollaps. Die EU-Kommission genehmigte diese Beihilfen 2011 nur unter der Auflage, dass die Bank bis Ende Februar 2018 privatisiert oder andernfalls abgewickelt werden müsse — eine tickende Uhr, die die Landespolitik in Kiel und Hamburg jahrelang begleitete. 2016 wurden die faulen Schiffskredite in die eigens gegründete Abbaubank HSH Portfoliomanagement AöR ausgelagert, um die Kernbank verkaufsfähig zu machen. Am 28. Februar 2018, buchstäblich auf den letzten Drücker der Brüsseler Frist, geben die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Hamburg in Kiel grünes Licht für den Verkauf ihrer Anteile. Ein Konsortium aus US-Finanzinvestoren — angeführt von Cerberus Capital Management und J.C. Flowers & Co., daneben GoldenTree Asset Management, Centaurus Capital und die österreichische BAWAG P.S.K. — übernimmt 94,9 Prozent der Anteile für rund eine Milliarde Euro (etwa 1,2 Milliarden US-Dollar); die restlichen 5,1 Prozent lagen bereits zuvor bei J.C. Flowers. Als Teil des Deals wird der bestehende Garantierahmen der Länder vorzeitig beendet, die Steuerzahler in Kiel und Hamburg erhalten dafür eine Ausgleichszahlung von 100 Millionen Euro von den neuen Eigentümern. Am 28. November 2018 wird der Verkauf mit dem sogenannten „Closing" endgültig vollzogen. Für die Steuerzahler bleibt dennoch ein Milliardenloch: Über ein Jahrzehnt mussten die Länder die einst hochspekulative Schiffsfinanziererin stützen, und Tausende Arbeitsplätze in Kiel und Hamburg stehen seither zur Disposition. Mit dem Verkauf endet die Geschichte der HSH Nordbank als öffentlich-rechtliche Landesbank; unter den neuen Eigentümern firmiert das Institut fortan als private Geschäftsbank und wird im Februar 2019 in Hamburg Commercial Bank umbenannt — ein schmerzhaftes Kapitel norddeutscher Wirtschaftsgeschichte findet sein Ende.

Nach zäher Regierungsbildung: Vierte Groß Koalition unter Merkel steht

Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018 für eine vierte Amtszeit vereidigt
Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018 für eine vierte Amtszeit vereidigt (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Nach der Bundestagswahl vom 24. September 2017 platzen in der Nacht zum 20. November die Sondierungsgespräche für ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen — FDP-Chef Christian Lindner verlässt die Verhandlungen mit dem Satz, es sei „besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren". SPD-Chef Martin Schulz, der eine erneute Große Koalition nach der herben Wahlniederlage zunächst kategorisch ausgeschlossen hatte, lenkt daraufhin ein. Ein SPD-Sonderparteitag in Bonn billigt am 21. Januar 2018 die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen; Schulz selbst tritt kurz darauf, Anfang Februar, nach parteiinternem Streit um die Verteilung der Ministerposten als SPD-Vorsitzender zurück — Nachfolgerin wird später Andrea Nahles, die erste Frau an der Spitze der SPD. Union und SPD unterzeichnen am 7. Februar 2018 den Koalitionsvertrag. Über dessen Annahme entscheiden bei der SPD erstmals die Parteimitglieder per Briefwahl: Am 4. März wird verkündet, dass 66,02 Prozent der teilnehmenden SPD-Mitglieder (239.604 Ja- gegen 123.329 Nein-Stimmen) dem Bündnis zustimmen. Der Vertrag wird am 12. März feierlich im Paul-Löbe-Haus besiegelt. Am 14. März 2018 wählt der Bundestag Angela Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin; das Kabinett Merkel IV wird vereidigt, mit Olaf Scholz (SPD) als Vizekanzler und Finanzminister, Horst Seehofer (CSU) als Innenminister und Heiko Maas (SPD) als Außenminister. Die längste Regierungsbildung der bundesdeutschen Geschichte — knapp ein halbes Jahr nach der Wahl — ist beendet, doch die Koalition wirkt von Beginn an zerstritten und lustlos.

Jahrhundertsommer: Rekord-Dürre und Hitze legen Deutschland lahm

Niedrigwasser am Rhein im Dürresommer 2018
Niedrigwasser am Rhein im Dürresommer 2018 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Der Zeitraum von April bis August 2018 ist mit einer Abweichung von 3,6 Grad der wärmste seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen 1881 — noch heißer als der bisherige Rekordsommer 2003. Am 14. August stehen 89 Prozent der Fläche Deutschlands unter Dürre, mehr als je zuvor gemessen. Bundesweit fallen im Schnitt mehr als 20 Hitzetage mit über 30 Grad und 75 Sommertage an — ebenfalls Rekordwerte. Die Landwirtschaft trifft es hart: Bei Getreide liegen die Hektarerträge deutschlandweit rund 16 Prozent unter dem Schnitt der Vorjahre, der Marktschaden wird auf etwa 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagt betroffenen Höfen im August eine Dürrehilfe von 340 Millionen Euro zu, von der der Bund rund 150 bis 170 Millionen Euro trägt — Voraussetzung ist ein Ertragseinbruch von mindestens 30 Prozent, der den Betrieb in seiner Existenz bedroht. Auch die Flüsse leiden: Der Rhein fällt im Herbst stellenweise auf historische Tiefstände, am Pegel Emmerich werden im Oktober nur noch sieben Zentimeter gemessen — Binnenschiffe können vielerorts nur noch teilbeladen fahren, was Industrie und Handel zusätzlich belastet. Hinzu kommen zahlreiche Waldbrände, etwa in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Schleswig-Holstein vertrocknen Felder, Landwirte melden Futter- und Ernteausfälle, und die Kieler Förde erwärmt sich spürbar. Der Sommer 2018 wird zum Menetekel des Klimawandels.

Debakel in Russland: Weltmeister Deutschland scheitert in der WM-Vorrunde

Die Kazan-Arena in Russland, wo Deutschland 2018 in der Vorrunde scheitert
Die Kazan-Arena in Russland, wo Deutschland 2018 in der Vorrunde scheitert (Wikimedia Commons, FAL)

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland gerät der amtierende Weltmeister Deutschland in der Gruppe F von Beginn an ins Straucheln: Am 17. Juni verliert das Team von Bundestrainer Joachim Löw die Auftaktpartie gegen Mexiko mit 0:1. Ein spätes Freistoßtor von Toni Kroos in der fünften Minute der Nachspielzeit rettet am 23. Juni ein 2:1 gegen Schweden und hält die Hoffnung auf das Achtelfinale am Leben. Doch am 27. Juni 2018 verliert Deutschland in Kasan mit 0:2 gegen Südkorea und scheidet als Gruppenletzter hinter Schweden und Mexiko bereits in der Vorrunde aus — zum ersten Mal in der Geschichte des DFB. Das historische Debakel löst eine tiefe Krise um Löw und die Nationalmannschaft aus. Sie verschärft sich, als Nationalspieler Mesut Özil am 22. Juli seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt und dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel sowie Teilen der deutschen Öffentlichkeit Rassismus vorwirft — ausgelöst durch die Kritik an einem gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor der WM. Im November setzt sich die sportliche Talfahrt fort: Nach einer Heimniederlage gegen die Niederlande steigt Deutschland in der neu geschaffenen Nations League aus der obersten Liga A ab. Das Debakel von Russland beschäftigt das Land noch Monate danach.

Mord im Konsulat: Journalist Jamal Khashoggi in Istanbul getötet

Der 2018 ermordete Journalist Jamal Khashoggi
Der 2018 ermordete Journalist Jamal Khashoggi (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Der saudische Regierungskritiker und Journalist Jamal Khashoggi, der seit 2017 im selbstgewählten US-Exil regierungskritische Kolumnen für die „Washington Post" schrieb, betritt am 2. Oktober 2018 das saudi-arabische Konsulat in Istanbul, um Papiere für seine bevorstehende Hochzeit abzuholen — und verlässt es nicht lebend wieder. Ein rund 15-köpfiges Kommando saudischer Agenten erwartet ihn dort, erdrosselt und zerstückelt seine Leiche, wie türkische Ermittlungen in den folgenden Wochen rekonstruieren; die Leiche wird nie gefunden. Riad bestreitet zunächst jede Verwicklung, räumt nach wachsendem internationalem Druck schließlich eine „Schlägerei mit Todesfolge" durch eigene Staatsdiener ein. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA kommt bis zum 16. November 2018 zu dem Schluss, dass Kronprinz Mohammed bin Salman die Tötung persönlich in Auftrag gegeben habe — eine Einschätzung, die Riad zurückweist. Der Fall löst weltweite Empörung aus: Die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel verhängt im November einen Rüstungsexportstopp gegen Saudi-Arabien, die USA belegen mehrere saudische Verantwortliche mit Sanktionen. Die Beziehungen des Westens zu Saudi-Arabien sind nachhaltig belastet, und Kronprinz Mohammed bin Salman rückt international ins Zwielicht.

Wochenlang eingeschlossen: Jugendfußballteam aus überfluteter Höhle in Thailand gerettet

Internationale Rettungstaucher bereiten ihre Ausrüstung an der Tham-Luang-Höhle vor
Internationale Rettungstaucher bereiten 2018 ihre Ausrüstung vor der Tham-Luang-Höhle vor (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 23. Juni betreten zwölf Jungen der Jugendfußballmannschaft Wild Boars im Alter von 11 bis 16 Jahren zusammen mit ihrem 25 Jahre alten Co-Trainer Ekkapol Chantawong nach dem Training die Höhle Tham Luang Nang Non im Norden Thailands, nahe der Grenze zu Myanmar. Starke Monsunregen fluten die Höhle rasch, die Gruppe wird von steigendem Wasser eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten. Erst nach neun Tagen intensiver Suche finden die britischen Höhlentaucher Rick Stanton und John Volanthen am 2. Juli die Gruppe lebend auf einem Felsvorsprung, gut vier Kilometer vom Eingang entfernt. Weltweit verfolgen Millionen Menschen die folgende dramatische Rettungsaktion, an der Hunderte Helfer aus über einem Dutzend Ländern beteiligt sind, darunter thailändische Marine-Elitetaucher und internationale Höhlenspezialisten; auch der US-Unternehmer Elon Musk bietet ein Mini-U-Boot an, das letztlich nicht zum Einsatz kommt. Bei den Vorbereitungen stirbt am 6. Juli der frühere Navy-SEAL-Taucher Saman Kunan an Sauerstoffmangel — der einzige Todesfall der Aktion. Zwischen dem 8. und 10. Juli gelingt es den Tauchern schließlich, die Jungen und ihren Trainer nacheinander, teils sediert, durch die überflutete, stellenweise extrem enge Höhle zu schleusen. Die geglückte Rettung aller 13 wird international als beispielloser Erfolg gefeiert.

Historisches Treffen in Singapur: Trump und Kim Jong-un besiegeln Annäherung

Kim Jong-un und Donald Trump reichen sich beim Gipfeltreffen in Singapur die Hand
Kim Jong-un und Donald Trump reichen sich 2018 beim Gipfeltreffen in Singapur die Hand (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der Insel Sentosa in Singapur treffen sich am 12. Juni US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un im Hotel Capella zum ersten persönlichen Gipfeltreffen zwischen einem amtierenden US-Präsidenten und einem nordkoreanischen Staatschef seit Gründung Nordkoreas 1948. Vorausgegangen war ein Jahr wechselseitiger nuklearer Drohgebärden, das 2018 überraschend in diplomatische Annäherung umschlug — befördert auch durch die Entspannung zwischen Nord- und Südkorea rund um die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang im Februar. Nach gut achtstündigen Gesprächen unterzeichnen beide eine gemeinsame, bewusst vage gehaltene Erklärung, in der sich Kim zur „vollständigen Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel" bekennt, ohne dass konkrete Schritte, Fristen oder Kontrollmechanismen festgelegt werden. Trump kündigt im Gegenzug an, die gemeinsamen Militärmanöver der USA mit Südkorea auszusetzen, da diese „sehr teuer" seien und Nordkorea provozierten — eine Entscheidung, die Verbündete in Seoul und Tokio überrascht. Kritiker bemängeln die Unverbindlichkeit des Abkommens, Befürworter loben den symbolischen Durchbruch nach jahrzehntelanger Eiszeit. In den Folgemonaten verlaufen konkrete Abrüstungsverhandlungen zäh; ein zweiter Gipfel in Hanoi scheitert 2019 ergebnislos.

Cambridge-Analytica-Affäre: Datenskandal erschüttert Facebook

Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei seiner Keynote auf der F8-Konferenz 2018
Facebook-Chef Mark Zuckerberg 2018 bei einem Auftritt auf der Entwicklerkonferenz F8 — kein Bild der Kongressanhörung selbst, aber aus demselben Jahr (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Im März wird publik, dass die britische Datenanalysefirma Cambridge Analytica über eine vermeintlich wissenschaftliche Persönlichkeits-App unrechtmäßig Zugriff auf Daten von schätzungsweise 87 Millionen Facebook-Nutzern weltweit erhalten hatte, darunter rund 310.000 Deutsche. Der Psychologe Aleksandr Kogan hatte die App „This Is Your Digital Life" 2014 bei Facebook registriert; die daraus gewonnenen Nutzerprofile wurden ohne Einwilligung an Cambridge Analytica weitergereicht, das Unternehmen, das der Trump-Wahlkampagne 2016 und der Brexit-Kampagne nahestand. Ans Licht kommt der Skandal maßgeblich durch den Whistleblower Christopher Wylie, ehemaliger Mitarbeiter der Firma, der Mitte März gegenüber „The Guardian" und der „New York Times" auspackt. Facebook-Chef Mark Zuckerberg muss sich im April vor dem US-Kongress und dem Europäischen Parlament rechtfertigen; die Aktie des Konzerns verliert binnen weniger Tage Milliarden an Börsenwert. Cambridge Analytica meldet im Mai Insolvenz an und stellt den Betrieb ein. Der Fall löst weltweit eine Debatte über den Umgang mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken aus und befeuert die Diskussion um schärfere Regulierung — in Deutschland leitet der Hamburgische Datenschutzbeauftragte ein Bußgeldverfahren gegen Facebook ein.

Katastrophe in Genua: Autobahnbrücke Ponte Morandi stürzt ein

Die eingestürzte Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua
Die eingestürzte Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua, 14. August 2018 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am 14. August stürzt während eines schweren Unwetters ein rund 200 Meter langes Teilstück der Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua ein, die die Autobahn A10 über das Industrieviertel Sampierdarena führt. Dutzende Fahrzeuge stürzen aus etwa 40 bis 45 Metern Tiefe in die Schlucht des Flusses Polcevera, auch mehrere Wohnhäuser unter der Trasse werden getroffen. 43 Menschen sterben, weitere werden verletzt. Die 1967 eröffnete, nach ihrem Konstrukteur Riccardo Morandi benannte Schrägseilbrücke galt seit Jahren als sanierungsbedürftig; Ingenieure hatten wiederholt vor Korrosionsschäden an den Spannseilen gewarnt. Die Katastrophe löst in Italien heftige politische Debatten über jahrelang vernachlässigte Wartung aus, insbesondere gegen den privaten Betreiber Autostrade per l'Italia, eine Tochter des Infrastrukturkonzerns Atlantia der Familie Benetton; Italiens Vize-Regierungschef Luigi Di Maio fordert umgehend den Entzug der Betreiberkonzession. Genua verhängt eine Notstandsverordnung, Tausende Anwohner müssen ihre Häuser verlassen. Der Wiederaufbau der Brücke, geleitet vom Architekten Renzo Piano, beginnt noch im selben Jahr; die neue Brücke wird im August 2020 eröffnet. Der Einsturz gilt als eine der schwersten Infrastrukturkatastrophen im Nachkriegs-Italien.

Proteste in gelben Westen: „Gilets jaunes" bringen Frankreich auf die Straße

Demonstranten der Gelbwesten-Bewegung in Paris
Demonstranten der Gelbwesten-Bewegung in Paris, Dezember 2018 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 17. November demonstrieren erstmals rund 290.000 Menschen in gelben Warnwesten in ganz Frankreich gegen steigende Kraftstoffpreise und eine von Präsident Emmanuel Macron geplante Erhöhung der Ökosteuer auf Diesel und Benzin zum 1. Januar 2019. Ausgelöst hatte die Bewegung Mitte Oktober ein über Facebook verbreiteter Protestaufruf, aus Unmut über die hohen Spritpreise eine gelbe Sicherheitsweste — in Frankreich Pflichtausrüstung in jedem Auto — hinter die Windschutzscheibe zu legen. Was als spontaner, über soziale Netzwerke organisierter Protest gegen die Spritpreise beginnt, weitet sich rasch zu einer breiteren Bewegung gegen soziale Ungleichheit, hohe Lebenshaltungskosten und die als abgehoben empfundene Politik Macrons aus. An mehreren Samstagen in Folge kommt es in Paris, insbesondere rund um die Champs-Élysées und den Triumphbogen, zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei, mit Randale, Plünderungen und zahlreichen Verletzten. Unter dem wachsenden Druck kündigt die Regierung Anfang Dezember an, die geplante Steuererhöhung für 2019 auszusetzen — ein seltenes Einlenken, das die Proteste jedoch nicht sofort beendet; die „Gelbwesten"-Bewegung hält bis weit ins Jahr 2019 hinein an.

Erdrutsch in Bayern: CSU verliert die absolute Mehrheit

Ministerpräsident Markus Söder, CSU-Spitzenkandidat bei der bayerischen Landtagswahl 2018
Ministerpräsident Markus Söder, CSU-Spitzenkandidat bei der bayerischen Landtagswahl 2018 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober verliert die CSU unter ihrem im März ins Amt gekommenen Ministerpräsidenten Markus Söder die seit 2013 gehaltene absolute Mehrheit deutlich: Mit 37,2 Prozent fährt sie das schlechteste Ergebnis seit 1950 ein. Die Grünen unter ihren Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann verdoppeln sich nahezu und werden mit 17,6 Prozent zweitstärkste Kraft im Maximilianeum, vor den Freien Wählern (11,6 %), der erstmals in den bayerischen Landtag einziehenden AfD (10,2 %), der SPD, die mit 9,7 Prozent auf ihr schlechtestes Landtagswahl-Ergebnis in Bayern abstürzt, und der FDP (5,1 %). Die Wahlbeteiligung steigt auf 72,4 Prozent. Söder bildet eine Koalition mit den Freien Wählern unter deren Chef Hubert Aiwanger, der Vizeministerpräsident wird — Bayern bekommt damit erstmals seit Jahrzehnten wieder eine Koalitionsregierung.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hessen, 28. OktoberCDU 27,0 %, Grüne 19,8 % (hauchdünn vor der auf ihr historisch schwächstes Ergebnis abgestürzten SPD, ebenfalls 19,8 %). Ministerpräsident Volker Bouffier setzt sein Bündnis aus CDU und Grünen mit knappster Mehrheit fort; unmittelbar nach dieser zweiten herben Landtagswahl-Schlappe für die Union kündigt Bundeskanzlerin Angela Merkel am 29. Oktober an, beim CDU-Parteitag im Dezember nach 18 Jahren nicht erneut für den Parteivorsitz zu kandidieren.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 29. Oktober kündigt Angela Merkel an, beim CDU-Parteitag im Dezember in Hamburg nicht mehr für den Parteivorsitz zu kandidieren — der Anfang vom langsamen Abschied der Kanzlerin.
  • Am 4. März werden der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet; eine unbeteiligte Britin stirbt später an den Folgen einer Kontamination.
  • Nach dem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Februar treten in mehreren deutschen Städten, darunter ab Ende Mai in Hamburg, erste Diesel-Fahrverbote in Kraft.
  • Am 19. Mai heiratet Prinz Harry die US-Schauspielerin Meghan Markle in der St George's Chapel von Schloss Windsor; Millionen verfolgen die royale Hochzeit weltweit im Fernsehen und Internet.
  • Im Juni eskaliert der Asylstreit zwischen CDU und CSU bis zur Regierungskrise: Erst ein Kompromiss über Transitzentren am 2. Juli hält die Koalition unter Kanzlerin Merkel zusammen.
  • Am 21. Mai verpasst Holstein Kiel nach einer 1:4-Gesamtniederlage gegen den VfL Wolfsburg in der Relegation knapp den historischen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga.

SPORT · 2018

Die Fußball-WM in Russland ist bereits eingangs vermerkt: Das historische Vorrunden-Aus des Weltmeisters Deutschland überschattet das Turnier hierzulande (siehe Schlagzeile 4). Den Titel sichert sich am Ende Frankreich, das im Finale Kroatien mit 4:2 bezwingt und sich zum zweiten Mal zum Weltmeister krönt. In der Bundesliga sorgt derweil Bayern München für Kontinuität und holt zum sechsten Mal in Folge die deutsche Meisterschaft. Für Aufsehen an der Förde sorgt Holstein Kiel: Unter Trainer Markus Anfang spielt der Zweitligist eine bemerkenswerte Saison und erreicht erstmals die Bundesliga-Relegation. Dort unterliegen die Kieler dem VfL Wolfsburg von Trainer Bruno Labbadia zunächst im Hinspiel mit 1:3, ehe ein einziges Gegentor im Rückspiel (0:1, Kopfballtor von Robin Knoche) den historischen Aufstieg endgültig verhindert — der Traum von der ersten Liga bleibt an der Förde vorerst ein Traum. International ist es ein starkes Jahr für den deutschen Wintersport: Bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang (Februar) gewinnt Deutschland 14 Gold-, 10 Silber- und 7 Bronzemedaillen und belegt damit Platz zwei im Medaillenspiegel hinter Norwegen — allen voran dank der traditionsstarken Bob- und Rodelteams. Ein durchwachsenes Fußballjahr also, aufgewogen durch sportliche Höhepunkte anderswo.

MODE · 2018

In der Mode markiert der März einen historischen Einschnitt: Virgil Abloh, gebürtiger US-Amerikaner mit ghanaischen Wurzeln, Gründer des Labels Off-White und langjähriger kreativer Weggefährte von Kanye West, wird künstlerischer Leiter der Herrenkollektionen bei Louis Vuitton — als erster afroamerikanischer Designer an der Spitze eines großen französischen Luxushauses. Sein Debüt feiert er am 21. Juni in den Gärten des Palais-Royal in Paris: Auf einem 200 Meter langen, handbemalten Regenbogen-Laufsteg zeigt er unter dem Titel „Colour Theory" eine Kollektion mit Models von jedem Kontinent außer der Antarktis — ein bewusstes Signal für Diversität in einer traditionell wenig diversen Branche. Zugleich erreicht der klobige „Dad-Sneaker" seinen Zenit: Sportliche, bewusst unelegante Schuhe wie Balenciagas „Triple S" werden zum Statussymbol vom Laufsteg bis in die Kieler Fußgängerzone und lösen die schlanke Sneaker-Silhouette der Vorjahre ab.

KULTUR · 2018

Ein rundes Jubiläum sorgt in dieser Saison für besonderen Glanz in der Ostseehalle: Holiday on Ice feiert mit der Show „Showtime" sein 75-jähriges Bestehen — seit der allerersten Vorstellung am 25. Dezember 1943 im amerikanischen Toledo. Die Jubiläumsrevue lässt Kostüme, Musik und Höhepunkte aus sieben Jahrzehnten Showgeschichte auf dem Eis lebendig werden. Seit 1953 zieht die Produktion regelmäßig an die Förde, wo sie längst zur festen winterlichen Institution geworden ist. Kiel feiert damit gewissermaßen mit.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2018

  • Gericht stoppt Rodung des Hambacher Forsts (5. Oktober). Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen in Münster untersagt dem Energiekonzern RWE vorläufig die weitere Rodung des Hambacher Forsts — der Wald im Rheinischen Revier bleibt vorerst erhalten, ein Etappensieg für den bundesweiten Klimaprotest.
  • Erneuerbare Energien überholen erstmals Kohle und Atom (Jahresbilanz 2018). Wind- und Solarkraft erzeugen zusammen mehr Strom als Braun- und Steinkohlekraftwerke — ein stiller Meilenstein der deutschen Energiewende.
  • Friedensnobelpreis für den Kampf gegen sexuelle Gewalt (5. Oktober). Der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die jesidische Aktivistin Nadia Murad erhalten den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe — ein Hoffnungszeichen für Betroffene weltweit.
  • SG Flensburg-Handewitt nach 14 Jahren wieder deutscher Meister (3. Juni). Die Handballer aus dem hohen Norden bezwingen am letzten Spieltag Frisch Auf Göppingen mit 22:21 und holen sich zum zweiten Mal nach 2004 die deutsche Meisterschaft — Jubel zwischen Nord- und Ostsee.

DAS WETTER · 2018 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 26,4 °C, in der Nacht 12,4 °C, im Mittel 18,6 °C; kein Tropfen Regen fiel — mitten im Rekord-Dürresommer.

Das Jahr über: Im Mittel 10,3 °C — ein sehr warmes, trockenes Jahr. Wärmster Tag 35,1 °C am 7. August, kältester −10,6 °C am 7. Februar. 9 Hitzetage (≥ 30 °C), 8 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag nur rund 530 mm — die große Dürre 2018.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2018

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. In My Mind — Dynoro & Gigi D'Agostino
  2. Perfect — Ed Sheeran
  3. Was du Liebe nennst — Bausa
  4. One Kiss — Calvin Harris & Dua Lipa
  5. Nevermind — Dennis Lloyd
  6. Bella ciao (Hugel Remix) — El Profesor
  7. Je ne parle pas français (Beatgees Remix) — Namika feat. Black M
  8. Solo — Clean Bandit feat. Demi Lovato
  9. Friends — Marshmello & Anne-Marie
  10. Échame la culpa — Luis Fonsi & Demi Lovato
  11. Magisch — Olexesh feat. Edin
  12. God's Plan — Drake
  13. These Days — Rudimental feat. Jess Glynne, Macklemore & Dan Caplen
  14. Havana — Camila Cabello feat. Young Thug
  15. Neymar — Capital Bra feat. Ufo361
  16. 500 PS — Bonez MC & RAF Camora
  17. River — Eminem feat. Ed Sheeran
  18. Casanova — Summer Cem & Bausa
  19. Rooftop — Nico Santos
  20. Body — Loud Luxury feat. Brando

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).